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SKINHEADS IN DER BUNDESREPUBLIK
Wie im vorigen Kapitel bereits erwĂ€hnt, breitete sich die Skinheadbewegung von GroĂbritannien auf eine Reihe weiterer Staaten aus. Da sie auf
den Britischen Inseln entstand, ist es nicht ĂŒberraschend, dass es hier nach wie vor besonders viele Skinheads gibt. Ăberdurchschnittlich viele von ihnen leben darĂŒber hinaus auch in den USA und in der BRD.
Allein in den Vereinigten Staaten soll es mehrere zehntausend geben. Auch in manchen ehemaligen Ostblockstaaten (z.B. Polen) zÀhlen einige Tausend Jugendliche mittlerweile zu den Skinheads. Besonders starken Zulauf
haben die Skins momentan in Tschechien. Dort zÀhlten die Behörden im Jahr 2000 rund 6200 von ihnen, etwa ein Viertel mehr als im Vorjahr.
WĂ€hrend in GroĂbritannien bereits Mitte bis Ende der 60er Jahre die ersten Skinheads gesichtet wurden, dauerte es bis etwa 1977/1978, ehe man
auch in Westdeutschland Jugendliche mit kahlrasierten Köpfen sehen konnte. DarĂŒber, wo in den Anfangsjahren ihre regionalen Schwerpunkte lagen, gibt es kaum verlĂ€ssliche Daten. Vermutlich tauchten die ersten
Skinheadcliquen in der Nachbarschaft britischer Kasernen und Radiostationen auf.
1979 soll der Hamburger Sportverein bereits mehrere Hundert Skins unter seinen Fans gehabt haben. Die meisten von ihnen waren auch regelmĂ€Ăig
bei den Heimspielen âihresâ HSV anwesend. Zu einer gröĂeren Bewegung entwickelte sich die Skinszene in der BRD aber erst ab etwa 1980/81. Wie in England liefen auch hier zahlreiche Punks zu den Skinheads
ĂŒber. Diese Entwicklung verstĂ€rkte sich Mitte der 80er Jahre als die Punkszene allmĂ€hlich langweilig wurde und âabzuschlaffenâ begann. Vor allem solche Punker wurden zu Skins, die ein eher militaristisches
Outfit bevorzugten und SpaĂ an gewaltorientierten Aktionen hatten. Die zunehmende Linksentwicklung ihrer Szene dĂŒrfte ein weiterer Grund fĂŒr manchen Punker gewesen sein, sich den Skinheads anzuschlieĂen.
Punks waren jedoch nicht die einzigen, die sich zu Skinheads wandelten. Auch ein Teil der FuĂballfans und Hooligans schloss sich dieser
âneuenâ Subkultur an. Dies wurde dadurch begĂŒnstigt, dass Skinheads und Hooligans einige gemeinsame Vorlieben hatten: Alkohol, Randale und FuĂball. Auch was den Musikgeschmack anbelangt gab es
Ăberschneidungen. Zur beliebtesten Kultband entwickelten sich schon bald die âBöhsen Onkelzâ. Diese sprach mit ihrer Musik in jenen Jahren sowohl Hooligans als auch Skinheads an.
Lange Zeit waren die westdeutschen Skinheads stark an England, dem Mutterland der Skinbewegung, orientiert. So wurden Szenekleidung (z.B.
Bomberjacken und Doc Martens) oder die neuesten LPs britischer Bands oftmals direkt von der Insel besorgt. Dies war nicht nur teuer, sondern auch mit einem erheblichen zeitlichen Aufwand verbunden. Da alles, was von
England kam, von den Skins der BRD nahezu kritiklos ĂŒbernommen wurde, hatte der Rechtsschwenk der britischen Skinheads starke Auswirkungen auf sie. Vor allem Ian Stuarts âWhite Powerâ-Ideologie fiel auf
fruchtbaren Boden.
ZunĂ€chst jedoch gab es nur vereinzelt rechtsextreme Tendenzen unter den westdeutschen Skinheads. Dies hinderte das Bundesamt fĂŒr
Verfassungsschutz jedoch nicht daran, sie bereits ab 1982 als rechtsradikale Gruppierung einzustufen. Ab 1984 war dann in den jĂ€hrlichen Verfassungsschutzberichten sogar ein kurzer Abschnitt ĂŒber jugendliche
Randgruppen enthalten, der sich zumeist auf rechtsextremistische Skinheads bezog. Intern jedoch schÀtzten die Sicherheitsbehörden den Anteil der rechtsextremen Skins an der gesamten bundesdeutschen Skinszene bis
Ende der 80er Jahre auf âallenfalls rund 10 %â ein.
Im Laufe der Zeit begann sich in der westdeutschen Skinszene immer mehr eine eigenstĂ€ndige IdentitĂ€t aufzubauen. MaĂgeblichen Anteil daran
hatten jene Skinheadbands, die ihre Lieder auf deutsch sangen und in ihren Songtexten Dinge ansprachen, die speziell auf die hiesigen VerhÀltnisse zugeschnitten waren. Zu den Skinbands der ersten Stunde in der BRD
gehörten neben den bereits erwĂ€hnten Böhsen Onkelz auch Endstufe, SpringtOifel und Kraft durch Froide. Die Entwicklung hin zu einer stĂ€rkeren EigenstĂ€ndigkeit fĂŒhrte schlieĂlich
dazu, dass Ende der 80er Jahre die Englandorientierung erheblich zurĂŒckging.
ZunĂ€chst jedoch wurden die westdeutschen Skins noch stark von ihren britischen âVetternâ beeinflusst. Wie ihre Vorbilder waren auch die
deutschen Skinheads eingefleischte FuĂballfans. Sie freuten sich schon die ganze Woche auf das Spiel am Wochenende, um dort Bier zu trinken, ihre Mannschaft anzufeuern und Randale zu machen. Die gewalttĂ€tigsten
Gruppen fuĂballbegeisterter Skins gab es zu jener Zeit in Berlin, Bremen und Hamburg.
Die FuĂballrandale war auch ein wichtiger Grund dafĂŒr, dass nun andere Jugendliche auf die Skins aufmerksam wurden: Jugendliche, die zwar
ebenfalls aus der Unterschicht stammten und zu FuĂballspielen gingen, bislang jedoch eher Heavy-Metal-Musik gehört hatten. Gerade unter ihnen wurde es bis etwa 1985 zur Mode, das Skinhead-Outfit zu kopieren.
Dies Ă€nderte sich erst, als im Juli und Dezember 1985 in Hamburg zwei TĂŒrken von Skinheads getötet wurden. Die nun einsetzende massiv
negative Berichterstattung der Medien fĂŒhrte dazu, dass die Skinbewegung an AttraktivitĂ€t auf âNormaljugendlicheâ erheblich einbĂŒĂte. Dazu trugen auch die nun gegen viele Skins erlassenen Stadionverbote bei.
Stadionverbote gegen gewaltorientierte Skinheads waren schon in den vorangegangenen Jahren verhĂ€ngt worden â wenngleich in einer weitaus geringeren Anzahl.
Zahlreiche Skinheads der ersten Generation nahmen die Morde von Hamburg zum Anlass, der Szene den RĂŒcken zu kehren. Die entstandenen LĂŒcken
begannen andere â bereits rechtsorientierte â Jugendliche zu schlieĂen. Gerade auf sie ĂŒbte das gewaltbehaftete und rechtsradikale Image dieser Jugendkultur eine starke Faszination aus. Die Folge war, dass
sich von nun an Ăbergriffe auf AuslĂ€nder und sonstige Randgruppen zu hĂ€ufen begannen. Nazi-Skins und Mode-Rechte erlangten allmĂ€hlich immer mehr Einfluss auf die Skinheadszene.
Mitbeeinflusst durch die Entwicklung in England und die Ereignisse in der BRD begann sich das Outfit der westdeutschen Skins allmÀhlich zu
Àndern. MilitÀrkleidung wie Bomberjacken und Armeehosen wurden zunehmend beliebt, die Haare hÀufig bis zur Vollglatze abrasiert. Aussehen und Einstellung bildeten bei den Skinheads immer mehr eine Einheit.
1987 schieden die beiden bis dahin bedeutendsten deutschen Skinheadbands aus der Skinszene aus. Die Böhsen Onkelz wurden zur Heavy-Metal-Band, wĂ€hrend Kraft durch Froide sich vollstĂ€ndig auflösten. Dies hatte zur Folge, dass die westdeutsche Skinbewegung vorĂŒbergehend an AttraktivitĂ€t einbĂŒĂte und bis 1989 stagnierte. Nach dem Fall der Mauer im Herbst 1989 konnte sie ihren Mitgliederbestand jedoch um ein Vielfaches steigern â und dies nicht nur, weil sie jetzt um DDR-Skins ergĂ€nzt wurden. Wiederum kamen Jugendliche, die vorher schon rechtsextreme Tendenzen gezeigt hatten, nun verstĂ€rkt hinzu, wĂ€hrend Ă€ltere sich resigniert zurĂŒckzogen. Ein gewisses Gegengewicht gegen den zunehmenden Einfluss rechter bis neonazistischer Tendenzen bildeten antirassistische und linke Skinheads â die sog. Sharp-Skins und Redskins.
Im September 1991 wurden in der sÀchsischen Kleinstadt Hoyerswerda von jugendlichen Rechtsextremisten schwere auslÀnderfeindliche
Ausschreitungen begangen, an denen auch Skinheads beteiligt waren. Dies nahm der Verfassungsschutz zum Anlass, nun die gesamte deutsche Skinheadszene zu observieren.
1993 gab es nach Angaben der VerfassungsschĂŒtzer in ganz Deutschland etwa 6.400 Skinheads. Von diesen sollen 2.600 in den alten und 3.800 in
den neuen BundeslĂ€ndern (einschlieĂlich Berlin) gelebt haben. 4.200 Skinheads (1.200 in Westdeutschland, 3.000 in Ostdeutschland) sollen zu diesem Zeitpunkt neonazistisch orientiert gewesen sein. Im Gegensatz dazu
ging das Berliner Autorenteam Farin/Seidel-Pielen fĂŒr den gleichen Zeitraum von etwa 8.000 Skinheads in der Bundesrepublik aus â 6.000 in den alten und 2.000 in den neuen BundeslĂ€ndern.
Bis 1997 stieg die Zahl rechtsextremistischer Skinheads laut Verfassungsschutz auf rund 6000 an. Die HĂ€lfte von ihnen soll zu diesem Zeitpunkt
ihren Wohnsitz in Ostdeutschland gehabt haben. 1999 habe es 9000 gewaltbereite Rechtsextremisten in der Bundesrepublik gegeben. Da der Verfassungsschutz selbst davon ausgeht, dass rund 85 Prozent von ihnen Skinheads
sind, gab es zu diesem Zeitpunkt folglich 7650 rechtsextreme Skins in ganz Deutschland. Im Jahr 2000 sei die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten um weitere 1.000 Personen auf nunmehr 10.000 angestiegen. (...)
Der obige Text ist ein Auszug aus dem Buch
Skinheads - Gefahr von rechts?.
Weitere Themen von Kapitel 2:
- ĂuĂeres Erscheinungsbild
- Herkunft und Einstiegsmotive
- Strukturdaten
- Regionale Verteilung
- Einstellungen und AktivitÀten
- Organisationen
- Skinströmungen (Oi-Skins, Fascho-Skins, Sharp-Skins, Redskins)
- Verbindungen zu Neonazis
- Skinheads und Punks
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Letzte Aktualisierung am 25 Januar, 2010
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